Kristallen
Do. 12.11.2020
Wann wird Kunsthandwerk zur Kunst? Seltsam eigentlich, wie lange sich die Menschheit diese Frage schon stellt, denn eine Antwort ist so furchtbar schwer ja nicht zu geben: Nur wer Wagnisse eingeht und die Möglichkeit des eigenen Scheiterns niemals ängstlich auszuschließen sucht, steigt die Treppe in den Oberrang lässig hinauf. Ein Blick auf die hierfür ausprobierten Rezepte in der Populärmusik ist übrigens eine höchst unterhaltsame Geschichtsstunde. Auf der Suche nach dem Neuen stellte man Ende der Sechziger zunächst idealisierte Formate in Frage. Das klassische Trio wurde dabei vielleicht ein wenig schnell um gleich ein ganzes Sinfonie-Orchester erweitert, die Resultate klingen zum Teil bis heute erschütternd. Und seit ein paar Jahren schon steht nun nicht zuletzt deshalb der Versuch einer möglichst konsequenten Reduktion des Personals im Zentrum des Geschehens, zum Ideal wurde schließlich das Duo, nicht zu verwechseln mit dem Duett, welches meist zwei Stimmen von einer beliebig großen Zahl von Musikern begleiten lässt, auf die das Duo gern verzichtet. So führten The White Stripes und The Black Keys den Rock’n’Roll zu
fundamentaler Urgewalt zurück, und mittlerweile macht das Rezept auch in anderen Genres Schule und sogleich von sich reden.

Posaunist Nils Landgren und sein schwedischer Landsmann Jan Lundgren am Piano werden sich zusammentun und ›Kristallen‹ veröffentlichen. Auch hier dominieren die zarten Momente, die oft versteckten, winzigen Eskapaden und stets auch das, womit gerade Landgren in seiner Zunft wohltuende Akzente setzt: Ihm gelingt wie nur wenigen Anderen die Liaison von Jazz und Humor, und sei es nur in flüchtigen Sekunden.

Denn ausgerechnet in der erwartungsfrohen Frühlingsluft, mitten hinein in die Zeit des Abschiedes von gedankenschweren, dunklen Nachmittagen, gemahnen Landgren und Lundgren ans Innehalten, bisweilen scheint es gar angebracht, vor ihrer Musik das Atmen weitestmöglich einzustellen, um bloß kein Detail zu verpassen. Und letzten Endes erweist sich der Jazz hier wieder einmal als vielleicht nicht größte, aber nach wie vor interessanteste und nonkonformistischste Spielwiese der Musik unserer Tage. Wer sich hierzu jetzt Nils Landgrens verschmitztes Lächeln in die Reihen jener Fans vorstellt, die sich beim letzten Mal vor seiner Funk Unit vielleicht noch in Schweiß und zu einem anhaltenden Muskelkater getanzt haben, möchte diese so ganz anderen Abende sicher nicht verpassen.